Schnittstelle | 2008
Videoinstallation

Die Projektionsfläche, die horizontal in der Mitte eines langen, schmalen Gangs über dem Kopf des Betrachters schwebt, zeigt den Blick von unterhalb der Eisdecke auf die Eiskunstläuferin. Sie bewegt sich auf einer eng begrenzten, durchsichtigen Kunsteisfläche, die an sich eine Skulptur ist. Die Eisfläche wird durch das Einbohren der Kufen graviert. Die Spuren, die durch das Drehen der Pirouetten entstehen, verhindern eine klare Sicht. Die schnellen Drehungen um die ihre eigene Achse bringen ein weiteres Unschärfeelement mit sich, das die Eiskunstläuferin noch diffuser erscheinen lässt. Anders als bei einem Schaulaufen, rückt sie mit jeder weiteren Rotation mehr in den Hintergrund. Erst mit dem Einbrechen in eine Spalte am Ende des Video-Loops tritt sie wieder in Erscheinung. Das langwierige Kreisen um den Mittelpunkt - die Vorbereitung auf die erste Pirouette - wirkt einerseits inszeniert und vorgeführt. Der Blick der Eiskunstläuferin auf ihre Unterlage bzw. durch das Eis, streift denjenigen des Betrachters für einen Bruchteil einer Sekunde und weckt somit das Gefühl, dass sie sich dessen bewusst ist, die Protagonistin einer Show zu sein. Andererseits gleicht ihr Tun durch ihre scheinbare Ungestörtheit und ihr Dress, das sich von einem Wettkampf- und Showkleid klar unterscheidet, doch eher einer Übung. Der Betrachter findet sich in einer ungewohnten Situation wieder, in der mehrere Ebenen aufeinander treffen, die private des Rezipienten, der selbst schon eis gelaufen ist, die – aus Fernsehen assoziierte – mediale und die künstlerische. Seine Rolle in der Betrachterposition ist nicht klar definiert. Ob er nun zufälliger Beobachter oder Zuschauer ist, bleibt ungelöst. Auf jeden Fall aber ist er Zeuge eines kleinen Spektakels. Durch den Perspektivenwechsel und die Verlangsamung des Zeitablaufs erhält der Rezipient die Möglichkeit, die Dinge anders zu betrachten. Er nimmt Einzelheiten wahr, die unser Seh- und Hörsinn aus der alltäglichen Realität nicht auf dieselbe Weise kennt. Die Zeichnung auf dem Eis wird plötzlich sichtbar. Das Knacken des Eises, das Schlittgeräusch der Kufen und das Dröhnen, das bei der Ausführung einer Pirouette ertönt, erhalten durch den Slow Motion Effekt an Wichtigkeit. Tiefe Bassfrequenzen und die Sicht von unterhalb der Eisfläche erwecken den Eindruck des Sich-im-Wasser-Befindens. Durch die Wucht der sich ins Eis bohrenden Kufen während den Drehungen und des gleichzeitig über dem Kopf schwebenden Geschehens, wirkt das Ganze leicht bedrohlich.
Die Arbeit thematisiert Schnittstellen zwischen dem Betrachter als Zuschauer und dem des zufälligen Beobachters, zwischen Vorführen und Üben, zwischen Schönheit, Grazie und Eleganz einer Eiskunstläuferin und den bedrohlich wirkenden Kufen ihrer Schlittschuhe. Es ist ein Spiel mit Gegensätzen.

Gruppenausstellung: Diplom 2008, Hochschule der Künste Bern, Schweiz.
3:25 Minuten, Loop.

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